Selbstständig wohnen, sicher leben: Wie Prävention im Servicewohnen mit Hilfe von Ki neu gedacht werden kann.
Einordnung
Viele Menschen möchten auch im höheren Alter möglichst lange selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben. Gleichzeitig geraten klassische Unterstützungsmodelle zunehmend unter Druck.
Genau darum ging es im Trend-Talk „Selbstständig wohnen, sicher leben – Prävention neu gedacht“ vom 30. Juli 2026. Gemeinsam mit Jan-Peter Seevers von Veli, dem Campusleiter des Diakoniewerks Kirchröder Turm Till Duchatsch und Hans-Christoph Reese von der Evangelischen Bank wurde diskutiert, wie KI im Servicewohnen präventiv eingesetzt werden kann und was Organisationen bei der Einführung beachten sollten.
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Warum das Servicewohnen neue Sicherheitskonzepte braucht
Das Servicewohnen bewegt sich in einem Spannungsfeld. Einerseits wünschen sich Bewohner:innen Freiheit, Privatsphäre und einen möglichst normalen Alltag. Andererseits erwarten sie und ihre Angehörigen, dass in einer Notsituation schnell reagiert wird.
Klassische Sicherheitsangebote können diese Erwartungen nur teilweise erfüllen. Ein Notrufknopf ist wertvoll, wenn eine Person ihn trägt, erreichen und selbstständig betätigen kann. In der Praxis liegt er jedoch mitunter in einer Schublade, wird vergessen oder in einer Notsituation nicht mehr ausgelöst.
Auch regelmäßige Anrufe oder Kontrollbesuche lösen das Problem nur begrenzt. Sie beanspruchen personelle Ressourcen und können von selbstständig lebenden Bewohner:innen als störend oder bevormundend empfunden werden. Till Duchatsch beschrieb im Trend-Talk deshalb einen zunehmenden Bedarf an Lösungen, die Sicherheit gezielt erhöhen, ohne tägliche Kontrollen zum Standard zu machen. Angesichts knapper personeller Ressourcen brauche es Angebote, die Unterstützung dann auslösen, wenn sie tatsächlich erforderlich ist.
Genau hier können KI-basierte Lösungen eine zusätzliche Form der Prävention ermöglichen.
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Wie KI aus Verbrauchsdaten Muster erstellt und Abweichungen erkennt
Der im Trend-Talk vorgestellte Ansatz setzt nicht auf Kameras, Mikrofone oder sichtbare Bewegungsmelder im Wohnraum. Stattdessen werden Daten genutzt, die in vielen Gebäuden ohnehin entstehen: Strom- und Wasserverbrauch.
Eine speziell auf Messdaten ausgerichtete KI analysiert die zeitlichen Verbrauchsverläufe und erkennt darin wiederkehrende Muster. So lassen sich beispielsweise charakteristische Signale eines Kühlschranks, eines Wasserkochers oder anderer Haushaltsgeräte unterscheiden. Aus einer Vielzahl solcher Signale entsteht ein Bild davon, wie der normale Tagesablauf in einer Wohnung typischerweise aussieht.
Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne Abweichung. Nur weil jemand an einem Morgen keinen Kaffee kocht, besteht noch kein Anlass für eine Meldung. Das System soll vielmehr erkennen, wenn mehrere erwartbare Aktivitäten ausbleiben oder ungewöhnliche Verbrauchsmuster auftreten.
Mögliche Hinweise sind beispielsweise:
- ein über längere Zeit ausbleibender Verbrauch,
- ein ungewöhnlich lange eingeschaltetes Elektrogerät,
- ein dauerhaft laufender Wasserverbrauch,
- eine auffällige Veränderung typischer Tagesroutinen.
Auf dieser Grundlage kann eine vorher festgelegte Kontakt- oder Alarmkette aktiviert werden. Je nach Situation kann die Information an einen Pflegedienst, eine Hausnotrufzentrale, Angehörige, Nachbar:innen oder das Facility Management gehen.
So können Verbrauchsdaten indirekte Hinweise darauf geben, ob sich der Alltag in einer Wohnung innerhalb des gewohnten Rahmens bewegt.
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Mehr Sicherheit bedeutet nicht automatische Soforthilfe
Bei aller Technologieoffenheit ist eine klare Abgrenzung wichtig: Eine KI-basierte Verbrauchsanalyse ist kein aktives Notrufsystem. Bewohner:innen können darüber nicht unmittelbar Hilfe anfordern.
Wie schnell eine ungewöhnliche Situation erkannt wird, hängt davon ab, welche Aktivitäten normalerweise zu erwarten wären und zu welchem Zeitpunkt sie ausbleiben. Bei einem nächtlichen Sturz kann es beispielsweise mehrere Stunden dauern, bis die übliche Morgenroutine nicht stattfindet. Im Trend-Talk wurde für erkannte Sturzsituationen ein durchschnittlicher Zeitraum von etwa drei Stunden genannt. Im ungünstigen Fall könne es acht bis neun Stunden dauern.
Diese Einschränkung gehört transparent zur Einordnung der Technologie. Ihr Nutzen liegt nicht darin, jeden Notfall sofort zu erkennen. Sie kann vielmehr Situationen sichtbar machen, die durch einen klassischen Notruf unentdeckt bleiben würden, etwa weil eine Person den Knopf nicht trägt, nicht auslösen kann oder ihre Lage selbst unterschätzt.
Das System sollte deshalb als zusätzliche Sicherheitsleine verstanden werden. Ein Hausnotruf kann weiterhin schnelle aktive Hilfe ermöglichen. Die KI arbeitet ergänzend im Hintergrund und erkennt, wenn sich der Alltag ungewöhnlich verändert. Auch im Trend-Talk wurde ausdrücklich betont, dass beide Ansätze idealerweise kombiniert werden sollten.
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Freiheit und Sicherheit müssen gemeinsam gedacht werden
Ein wesentlicher Vorteil passiver Systeme liegt darin, dass sie den Alltag möglichst wenig beeinflussen. Bewohner:innen müssen weder täglich eine Taste drücken noch regelmäßig bestätigen, dass alles in Ordnung ist. Die technische Unterstützung bleibt im Hintergrund und kann so Sicherheit schaffen, ohne die Selbstständigkeit unnötig einzuschränken.
Trotzdem ist die Akzeptanz nicht automatisch gegeben. Die Auswertung von Strom- und Wasserverbrauch kann zunächst das Gefühl auslösen, überwacht zu werden. In einem der im Trend-Talk vorgestellten Praxisbeispiele vermuteten Bewohner:innen zunächst, dass Kameras oder Sensoren in ihren Wohnungen installiert werden sollten. Die Beteiligten mussten deshalb erklären, welche Daten tatsächlich genutzt werden und was das System erkennen kann und was nicht.
Für Organisationen bedeutet das: Die Einführung ist nicht nur ein technisches Projekt. Sie ist vor allem eine Kommunikations- und Veränderungsaufgabe.
Informationen sollten frühzeitig, verständlich und zielgruppengerecht vermittelt werden. Dabei empfiehlt es sich, nicht mit technischen Begriffen und Funktionsdetails zu beginnen. Im Vordergrund sollten die konkreten Vorteile stehen: mehr Sicherheit, weniger Kontrollanrufe, Schutz der Privatsphäre und mehr Freiheit im Alltag.
Gleichzeitig müssen Fragen zur Datennutzung, zu Zugriffsrechten und zu Alarmwegen nachvollziehbar beantwortet werden. Bewohner:innen und Angehörige müssen verstehen, welche Informationen entstehen, wer sie erhält und wann eine Meldung ausgelöst wird.
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Bestand und Neubau stellen unterschiedliche Anforderungen
Ob eine solche Lösung einfach eingeführt werden kann, hängt stark von der Ausgangssituation ab.
In Neubauprojekten lassen sich digitale Services häufig frühzeitig in das Wohn- und Betreuungskonzept integrieren. Sie können von Beginn an Bestandteil des Servicevertrags sein. Technische Schnittstellen, Verantwortlichkeiten und Kostenmodelle lassen sich bereits während der Planung berücksichtigen.
Träger sollten deshalb frühzeitig in die Bau- und Konzeptionsphase eingebunden werden. So können Betreuungsleistungen und digitale Services von Beginn an gemeinsam mit den baulichen Anforderungen geplant werden.
Im Bestand sind die Herausforderungen andere. Bestehende Miet- und Serviceverträge müssen berücksichtigt werden. Hinzu kommen unterschiedliche technische Voraussetzungen und häufig mehrere Interessengruppen.
Besonders anspruchsvoll kann die Einführung in Gebäuden mit Eigentümergemeinschaften sein. Dort müssen nicht nur Bewohner:innen, sondern auch Eigentümer:innen überzeugt werden. Während Betreiber vor allem auf Versorgungssicherheit und Personalentlastung schauen, stehen für Eigentümer:innen häufig Kosten, Vermietbarkeit und der Wert der Immobilie im Mittelpunkt.
Eine schrittweise Einführung kann deshalb sinnvoll sein. Im Trend-Talk wurde ein Modell beschrieben, bei dem Bestandsmieter:innen zunächst freiwillig teilnehmen, während das Angebot bei Neuvermietungen zum Standard werden kann. So entsteht kein unmittelbarer Zwang, gleichzeitig kann sich das System nach und nach etablieren.
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Von der Technik zum funktionierenden Versorgungskonzept
Die Erkennung einer Auffälligkeit ist nur der erste Schritt. Entscheidend ist, was danach passiert.
Organisationen müssen festlegen, welche Meldung an welche Stelle geht und wer zu welcher Tageszeit reagieren kann. So kann eine ungewöhnliche Veränderung im Tagesablauf beispielsweise tagsüber an einen Pflegedienst und nachts an eine Hausnotrufzentrale gemeldet werden, während bei einem auffälligen Wasserverbrauch die Haustechnik zuständig sein kann.
Auch Angehörige, Freund:innen oder Nachbar:innen können Teil des Sicherheitsnetzes sein. Das bietet insbesondere dort Potenzial, wo professionelle Dienste nicht jede Situation allein abdecken können oder sollen. Voraussetzung ist stets, dass die betroffene Person der jeweiligen Einbindung zugestimmt hat und die Verantwortlichkeiten eindeutig geregelt sind.
Eine digitale Lösung entfaltet ihren Nutzen deshalb erst, wenn sie in die bestehenden Versorgungsprozesse integriert wird. Ohne klare Zuständigkeiten kann auch eine präzise Meldung ins Leere laufen.
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Prävention verbindet soziale und ökologische Nachhaltigkeit
Der Einsatz von KI im Servicewohnen ist zunächst eine soziale und organisatorische Frage. Im Mittelpunkt stehen Sicherheit, Selbstständigkeit und eine gezieltere Nutzung personeller Ressourcen.
Gleichzeitig können ökologische und wirtschaftliche Zusatznutzen entstehen. Auffällige Wasser- oder Stromverbräuche können beispielsweise frühzeitig auf Leckagen, technische Defekte oder ungewöhnlich hohe Verbräuche hinweisen.
Verbrauchsdaten können Bewohner:innen auf Wunsch außerdem dabei unterstützen, den eigenen Strom- und Wasserverbrauch besser zu verstehen. Wer keine App oder laufenden Energieberichte nutzen möchte, kann das System im Alltag weitgehend ignorieren und nur dann einen Hinweis erhalten, wenn ein Verbrauch auffällig wird.
Damit verbindet der Ansatz mehrere Nachhaltigkeitsdimensionen: die Sicherheit der Bewohner:innen, die Entlastung von Mitarbeitenden, die Vermeidung von Gebäude- und Wasserschäden sowie einen bewussteren Umgang mit Energie und Ressourcen.
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Was Organisationen jetzt prüfen sollten
Für die Einführung einer KI-basierten Lösung müssen technische, organisatorische und soziale Rahmenbedingungen gemeinsam betrachtet werden.
Für einen sinnvollen Einstieg sollten Organisationen zunächst klären:
- Welche Sicherheits- und Kontrollprozesse bestehen bereits?
- Wo entstehen heute unnötige Routinen oder Versorgungslücken?
- Welche Daten und technischen Schnittstellen sind im Gebäude vorhanden?
- Wer soll bei welchen Auffälligkeiten informiert werden?
- Wie werden Bewohner:innen, Angehörige, Mitarbeitende und Eigentümer:innen beteiligt?
- Welche bestehenden Notruf- oder Betreuungssysteme sollen ergänzt werden?
Ein Pilotprojekt kann helfen, technische und organisatorische Fragen in einem begrenzten Rahmen zu erproben. Gleichzeitig liefert es konkrete Erfahrungen für die Kommunikation mit Bewohner:innen und Mitarbeitenden.
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Fazit: Gute Prävention bleibt im Hintergrund
Die zentrale Erkenntnis des Trend-Talks lautet: Mehr Sicherheit muss nicht automatisch mehr Kontrolle bedeuten.
KI kann ungewöhnliche Situationen sichtbar machen und bestehende Notruf- und Betreuungsangebote ergänzen, ohne den Alltag der Bewohner:innen unnötig zu beeinflussen.
Der Erfolg hängt jedoch nicht allein von der technischen Leistungsfähigkeit ab. Entscheidend sind transparente Kommunikation, klare Alarmketten, realistische Erwartungen und die frühzeitige Einbindung aller Beteiligten.
Für Organisationen in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft eröffnet sich damit die Chance, Servicewohnen neu zu denken: nicht als reduziertes Betreuungsangebot, sondern als Verbindung aus Selbstständigkeit, Prävention, digitaler Unterstützung und verlässlich organisierter Hilfe.
Quelle: Die Inhalte dieses Beitrags basieren ausschließlich auf unserem Trend-Talk vom 30. Juli 2026. Weitere Informationen und die Aufzeichnung des Trend-Talks findet ihr hier: https://www.change-hub.de/unsere-trend-talks/
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